Kneipp-Gesundheitsvisite April 2023

Aus Sebastian Kneipps Leben:

Schockierte Kurgäste im Jahr 1890 – Beim Wassertreten ertrunken

Als Kind reiste Karl Theodor Kohnle aus Holzgerlingen (heute im Land-kreis Böblingen) im Jahr 1890 zusammen mit seiner Mutter nach Wörishofen und erlebte dort einen tragischen tödlichen Unfall. Später schilderte er sehr anschaulich seine Erinnerungen an diese Begebenheit:

„Morgens um halb 5 Uhr reisten wir ab nach Stuttgart, von dort ging es um 6 Uhr weiter nach Ulm. Von Ulm hört man auf der Eisenbahn von nichts anderem reden, als nur von Wörishofen und Pfarrer Kneipp. Überhaupt darf man in dieser Richtung gar nicht reisen, außer man kommt in den Verdacht, krank zu sein. Wir kamen um 12 Uhr in Memmingen an. Um 14 Uhr ging die Fahrt weiter nach Türkheim. Hier musste ausgestiegen werden. Es warteten schon ungefähr acht bis zehn Gefährte auf die ankommenden Gäste. Man wird fast zerrissen von den Kutschern, denn jeder will seinen Wagen voll haben. Jede Person kostet eine Mark. Diese Leute machen ein gutes Geschäft, denn so fahren sie täglich 4- bis 5-mal hin und her. Endlich um halb vier kamen wir in Wörishofen an, beim Rößle wurde abgestiegen. Hier warteten schon vier Quartiermacher. Einer sagte zu uns, gleich vis à vis hätte er ein Zimmer mit zwei Betten. Wir waren natürlich sehr froh, ein Quartier zu bekommen. Manche bekommen oft gar kein Zimmer und müssen in benachbarte Dörfer gehen. Das Zimmer war sehr groß und niedrig, den Plafond (die Decke) konnte man mit der Hand erreichen. Er war voller Risse, aus welcher Feuchtigkeit drang. Nun, für diesen Abend konnte man nichts mehr anderes machen. Wir legten unser Gepäck ab und gingen zum Vortrag, welcher alle Abend von Herrn Pfarrer Kneipp im Freien von fünf bis sechs Uhr gehalten wird. Schon um halb 5 Uhr ist alles voll, die Kurgäste sitzen vor der aus rohen Brettern gezimmerten Kanzel auf primitiven Bänken, welche man sich selbst zusammenmacht aus herumliegenden Brettern und Klötzen, auch ein alter Karren dient als Sitz.

Punkt 5 Uhr kam S. Hochwürden Pfarrer Kneipp ganz langsam geschritten. Er ist von mittelgroßer Statur, etwas beleibt, hat graue Haare und Augenbrauen, an welchen sich mancher freuen würde, wenn er nur so einen Schnurrbart hätte. Das Thema des Vortrages ist ganz beliebig, manchmal legen auch Kurgäste Zettelchen auf oder bitten S. Hochwürden über dieses oder jenes zu sprechen. Nach dem Vortrag gingen wir in unsere Logis. Ich ging gleich zu Bett, aber jetzt sahen wir, was wir für Betten hatten. Ich konnte mich unter der Decke kaum bewegen, so schwer war sie.

Am anderen Morgen visitierten wir die Betten und fanden unter den Kissen ganz alte zerrissene Überzüge und Polster von Stühlen. Mama sagte, sie bleibe hier keine Nacht mehr. Um sieben Uhr gingen wir in den Pfarrhof. Die Haustüre war geschlossen und vor derselben standen schon ungefähr 25 bis 30 Personen, harrend des Einlasses. Wir stellten uns natürlich auch auf und endlich nach ¾ Stunden ging die Türe auf und so gelangten wir endlich in den Öhrn (Hausflur), hier warteten wir wieder einige Zeit. Auf einmal ging die Türe auf und heraus kam Hochwürden Pfarrer Kneipp. Es sprang natürlich alles auf ihn zu, er wies aber alle zurück.

Es kam dann ein Mann, mit welchem er unterhandelte. Herr Pfarrer sagte dann, es sei jetzt keine Sprechstunde, da ein Leichenbegräbnis stattfinde. Es war nämlich ein junger Mann zur Kur in Wörishofen, welcher epileptische Anfälle hatte. Dieser wurde im Mühlbach tot aufgefunden, er hatte wahrscheinlich Wassertreten wollen und bekam seinen Anfall und so fiel er ins Wasser und ertrank. Wir waren auch beim Leichenbegräbnis. Die Leichenrede von Herrn Pfarrer Kneipp war sehr rührend, er ist ein guter Redner und hat eine starke Stimme. Nach dem Begräbnis begann die Sprechstunde, es wurden aber immer nur 10 bis 15 Personen eingelassen …

So endet der uns erhaltene Bericht von Karl Theodor Kohnle. Wie es damals mit ihm und seiner Mutter in Wörishofen weiterging, ob sie ein neues komfortableres Quartier fanden – wir wissen es nicht.

Harald Klofat

Kneipp-Gesundheitsvisite Mai 2023

Die Kneipp-Saison 2023 beginnt

Warum man die Kneippschen Naturheilverfahren kennenlernen sollte

Die Kneipp-Saison 2023 beginnt jetzt im Mai, die Kneipp-Anlagen Deutschlands werden nach und nach wieder befüllt. Was bedeutet denn das sog. Anwassern?

Es ist eine schöne Tradition, die bei vielen Kneipp-Vereinen und kneippzertifizierten Kindertages- und Senioreneinrichtungen ein fester Bestandteil im Jahreskalender ist: das Anwassern. Darunter versteht man das erste gemeinsame Wassertreten der neuen Kneipp-Saison, vielerorts verbunden mit einer kleinen Feier. Wenn die Kneipp-Anlagen im Frühjahr wieder mit Wasser befüllt sind, trifft man sich dort, um gemeinsam die ersten Runden durch das kühle Nass zu drehen. Einen bundesweit festgelegten Termin gibt es dafür übrigens nicht. Das entscheiden die Verantwortlichen je nach den Gegebenheiten vor Ort – bei manchen ist es ein fester Termin, der jedes Jahr am gleichen Tag stattfindet, andere richten sich nach den Temperaturen und dem Wetter und entscheiden dies kurzfristiger. Doch egal ob festgelegt oder flexibel, das Anwassern ist eine besondere Tradition, die in der Kneipp-Bewegung gepflegt wird – und eine gute Möglichkeit noch mehr Menschen für Wassertreten & Co. zu begeistern. Denn das ganzheitliche Gesundheitskonzept nach Kneipp bietet eine Menge einfacher, kostengünstiger und zugleich wirksamer Methoden der Gesundheitsförderung und Prävention, die gerade durch das Zusammen-wirken der Kneippschen Elemente Wasser, Ernährung, Bewegung, Heilpflanzen und Lebensordnung so wirksam sind.

Und was genau passiert bei einer Kneippschen Wasseranwendung wie dem Wassertreten oder dem Armbad?

Die in diesen Kneippschen Wasseranwendungen eingesetzten physikalischen und chemischen Reize können stimulierend oder regulierend auf Organfunktionen einwirken. Bei Wasseranwendungen bedient man sich überwiegend thermischer Reize, die aufgrund der Thermosensibilität des Menschen eine Vielzahl von Ausgleichsreaktionen hervorrufen. Der Mensch ist als warmblütiges Wesen auf eine konstante Körperkerntemperatur angewiesen. Auf Temperaturschwankungen reagiert er hochsensibel: Durch gezielt eingesetzte Störungen des Wärmehaushaltes können eine Vielzahl komplexer, überwiegend unspezifischer Ausgleichs- und Gegenregulationen in Gang gesetzt werden – es besteht also die Möglichkeit, positiv auf alle vitalen Systeme und Funktionen wie Stoffwechsel, Herz-Kreislaufsystem, Immunsystem, Endokrinium und Vegetativum, Einfluss zu nehmen.

Wasser kann also für Gesundheitszwecke eingesetzt werden? Kneipp sagte: „Ich glaube, dass ich kein Heilmittel anführen kann, das sicherer heilt als das Wasser.“ Die Verwendung von Wasser für Prävention und Gesundheitsförderung gehört nachweislich zu den äl-testen Formen der Heilkunde. In Deutschland war die mittelalterliche Badestube eine Art Heißluft-Schwitzbad. Sie ähnelte unserer heutigen Sauna. In der Badestube, die die Wannenbäder zu Hause ersetzte, wurde auch massiert und geschröpft. Das Baden selbst sollte der Reinigung, der Abhärtung und zur Vorbeugung und Heilung bestimmter Krankheiten dienen. Wasser als Vermittler natürlicher Lebensreize steigert die Leistungsfähigkeit, regt die Abwehrkräfte an und verbessert das Körperbewusstsein. Vorbeugend und therapeutisch wirken die Wasseranwendungen harmonisierend auf das Nerven- und Hormonsystem sowie auch auf die Psyche. Wasseranwendungen nach Kneipp sind individuell und fein abstufbar. Sie können exakt auf die jeweilige Person und Situation abgestimmt werden.

Welche Kneippsche Wasseranwendung eignet sich für Einsteiger? Für Einsteiger eignen sich die klassischen Abhärtungsübungen wie Wassertreten, Armbaden und Taulaufen. Bei den Güssen kann der Knie- bzw. Schenkelguss ausprobiert werden – dieser wird u.a. eingesetzt, um das Immunsystem zu trainieren. Des Weiteren unterstützt diese Anwendung den Rückfluss des venösen Blutes, welches speziell den Menschen zugutekommt, die lange sitzen oder stehen, oder allgemein sehr wenig Bewegung haben. Zusätzlich werden die örtliche Durchblutung und der Stoffwechsel gesteigert. Die Temperatur des Wassers sollte kalt sein (16 °C bis 18 °C), bei Ungeübten darf sie auch „temperiert“ (19 °C bis 22 °C) sein. Für die Durchführung sollte idealer-weise ein Kneippsches Gießrohr verwendet werden. Generell gilt: Ist der Guss beendet, wird das Wasser von der Haut abgestreift, die Füße zwischen den Zehen abgetrocknet und angekleidet. Danach ist für ausreichend Wiedererwärmung zu sorgen. Bei der Durchführung des Kniegusses sollte darauf geachtet werden, dass man auf einem Kunststoff- oder Holzgitter steht. Somit befinden sich die Füße nicht im ablaufen-den kalten Wasser und die Gefahr des Ausrutschens wird verringert. Der Guss beginnt am rechten Fuß (kleiner Zeh) und verläuft über die Außenseite bis ca. eine Hand breit oberhalb des Knies. In diesem Be-reich wird horizontal verweilt und darauf geachtet, dass sich der Wassermantel um den gesamten Unterschenkel „wickelt“. Nach 3 bis 5 Sekunden wird der Wasserstrahl über die Innenseite des Beines senk-recht nach unten geführt. Anschließend wechselt man zum linken Fuß. Vom kleinen Zeh aus, über die Außenseite des Unterschenkels verweilt man wieder ca. eine Hand breit oberhalb des Knies. Nach 3 bis 5 Sekunden des Verweilens wechselt man direkt zurück zum rechten Knie (verstärken), verweilt dort wiederum 3 bis 5 Sekunden und an-schließend wieder zurück zum linken Knie (verstärken). Nach erneutem Verweilen führt man den Guss auf der Innenseite des linken Unterschenkels senkrecht nach unten. Zum Schluss werden die rechte und anschließend die linke Fußsohle begossen. Der Knieguss ist nicht anzuwenden bei schlechtem Allgemeinzustand, Kältegefühl, kalten Füßen, akuten Nieren-, Blasen- und Harnwegsinfekten.

Jahresmotto 2023

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